Arbeitsordnung / Donnerstag, 22.08.2019

Ich bin gerade dabei, mein Zimmer zusammenzuräumen und auszumisten. Sämtliche Karten, auf denen nichts anderes steht als „Alles Gute zum Geburtstag wünscht…“ oder „Frohe Weihnachten wünscht…“, habe ich in die runde Ablage gegeben. Andere Karten, bei denen sich jemand etwas gedacht hatte, habe ich mit großer Freude wieder gelesen und neu geordnet.

Daher dauern derartige Aufräumarbeiten immer so lange.

Sämtliche Wollknäuel, die unsere liebe Anjuta-Katze voll Freude durch die Wohnung getragen hatte, habe ich neu aufgewickelt. Die Stricksaison naht.

Alles, was sich auf meinem Schreibtisch angesammelt hat, habe ich sortiert und eingeheftet oder ausgemustert. Ordner von unnötigen Kursunterlagen wieder freigemacht.

Dabei ist mir ein Zettel untergekommen, der es wert ist, in mein Tagebuch aufgenommen zu werden. Zum Abschluss eines AMS-Kurses hatte die Trainerin eine antike ARBEITSORDNUNG ausgeteilt. Ich kann leider nicht sagen, wo sie die herhatte.

Für Angestellte aus dem Jahr 1870:
ARBEITSORDNUNG

1. Täglich vor Arbeitsbeginn ist das Büro gründlich auszufegen, der Ofen auszuräumen und der Staub zu beseitigen.
2. Alle Angestellten sind dafür verantwortlich, daß der Arbeitsraum gut geheizt wird. Für das Heizmaterial sorgen die Herren Commis. Jeder Angestellte hat einen gleichen Anteil Kohlen mitzubringen.
3. Privatunterhaltungen während der Dienstzeit sind grundsätzlich unerwünscht.
4. Die regelmäßige Arbeitszeit beträgt 12 Stunden. Wenn es die Arbeit erfordert, muß jeder Commis ohne Aufforderung Überstunden machen.
5. Angestellte, die sich politisch betätigen, werden fristlos entlassen.
6. Es wird erwartet, daß sich der Angestellte übermäßigem Tabak- und Alkoholgenuß enthält.
7. Damen und hochgestellten Persönlichkeiten ist anständig zu begegnen.
8. Als Lektüre wird die Bibel empfohlen, jedoch sind auch andere Bücher erlaubt, sofern sie sittlich einwandfrei sind.
9. Jeder Angestellte hat die Pflicht, für die Erhaltung seiner Gesundheit zu sorgen.
Kranke Angestellte erhalten keinen Lohn. Deshalb sollte jeder verantwortungsbewusste Commis von seinem Lohn eine gewisse Summe zurücklegen.
10. Ein Angestellter darf sich nicht irren. Wer es mehrmals tut, wird entlassen.
11. Wer dem Chef widerspricht, zeigt damit, daß er vor dem Principal keinen Respekt empfindet. Daraus ergeben sich Konsequenzen.
12. Weibliche Angestellte haben sich eines frommen Lebenswandels zu befleißen.
13. Ferien gibt es nur in dringenden Familienfällen.
Lohn wird während dieser Zeit nicht gezahlt.
14. Denken Sie immer daran:
Tausende wären sofort bereit, Ihren Arbeitsplatz einzunehmen.
15. Und vergessen Sie nicht, daß Sie Ihrem Principal Dank schulden.
Er ernährt Sie schließlich.

Den Text habe ich nachgegoogelt. Es gibt ihn mehrfach. Aber leider jedes Mal ohne nähere Angaben. Gehen wir davon aus, dass er authentisch ist.

Werbeanzeigen

Wie Schuppen von den Augen / Mittwoch, 21.08.2019

Gestern habe ich eine alte dunkelblau-grün-rot karierte Wolldecke mit dem Wollwaschprogramm gewaschen. Am Abend war die Waschmaschine offen und ausgeschalten. An die dunkle Decke dachte ich nicht mehr, sondern stopfte meine Putzfetzen in die Maschine. Einschalten wollte ich nicht, da ich ja vorhatte, zur Probe zu gehen.

Heute früh habe ich die Waschmaschine noch mit Geschirrhangerln und ein paar Handtüchern vollgefüllt und auf 75 Grad eingeschalten.

Die Wolldecke stach mir erst wieder ins Auge, als ich meine Wäsche aus der Maschine holte. O, o! Die Decke ist jetzt um einiges kleiner, dafür spielen meine Tücher sämtliche Farben, die sie vorher nicht hatten.

Das wäre ja noch nicht so schlimm. Kann jedem mal passieren. Aber beim Lesen des Datums meines Tagebucheintrages ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Es war gestern gar keine Probe. Die nächste Probe war für den 27.08. anberaumt! Ich hätte mir das ganze Theater gestern sparen können. Was bin ich doch für ein Idiot.

Wäre doch zu schön gewesen / Dienstag, 20.08.2019

Heute wollten Johanna und ich wieder in den Schoß des Kirchenchores zurückkehren. Wir freuten uns schon sehr darauf.

Papa hatte in der Stadt zu tun, und ich wütete mit Hilfe der Mädels, allen voran Matthäa, im Wohnzimmer, um es auf Vordermann zu bringen. Es schaut zwar immer noch leicht chaotisch aus, aber dafür sind Fenster geputzt, der Teppich gesaugt, alles abgestaubt, die Möbel mit Opti eingelassen und die Bücher in meinem Büchereck sortiert. Ich würde sagen, man sieht, dass es sich hier um kein Museum handelt, sondern tatsächlich jemand hier wohnt.

Draußen am Balkon vertrocknet der Wein. Irgendjemand der Bewohner der unteren Wohnung hat die Rebe, die zu uns raufwächst, gekappt. Das war auch die Rebe, an der unsere beiden Katzen herauf balancieren, vielleicht war den Leuten das ein Dorn im Auge.

Ein bisschen geknickt bin ich schon. Es verdorrt gerade der Sichtschutz für unseren Balkon und außerdem waren die Trauben noch nicht reif. Das heißt ich werde von meinen Lieblingstrauben keine Ernte haben und keine Marmelade.

Gestern vergaß ich zu erwähnen, dass ich einen Liebesbrief meiner Bank erhalten habe. Meine Bankomatkarte wurde mit der Beilage des Schreibens sang- und klanglos durch eine „Debitkarte“ ersetzt. Um mit dem auf der Karte angegebenen 16-stelligen Code das Einkaufen im Internet leichter zu machen. Es scheint eines der Sicherheitsmerkmale zu sein, dass derartige Karten mit normaler Post versandt werden.

Ich hätte mein eigenes Konto nach wie vor lieber mit einer Bankomatkarte als mit einer Debitkarte bedient. Jetzt muss ich mir beim Geldbeheben immer vor Augen führen, dass ich mein eigenes Konto belaste. Einkaufen und bezahlen übers Internet habe ich gar nicht vor. Ich warte auf den Tag, wo auch so eine Debitkarte nicht mehr gültig sein wird, sondern mein Konto nur mehr mittels RFID-Chip bedient werden kann. Dann werde ich wohl nicht mehr kaufen und verkaufen können.

Und jetzt kommt das dicke Ende. Aus unserer Rückkehr in den Chor wird nichts.

Johanna war schon umgezogen, als Papa eine Ehekrise vom Zaun brach und mir Unwahrheiten, Wahrheiten, Teilwahrheiten, Verdrehungen von Tatsachen, vermischt mit Beleidigungen unter die Gürtellinie an den Kopf warf. Als das Theater anfing, stand Lucky neben mir. Sie füllte wortlos ein großes Glas mit Leitungswasser und reichte es mir ebenso wortlos.

Ich verstand: Schnauze halten, einen Schluck Wasser nehmen und lange im Mund behalten. So zieht das Unwetter am schnellsten vorüber.

Eine halbe Stunde nach Probenbeginn war die Luft tatsächlich wieder rein. Lucky hatte ein bisschen nachgeholfen und exorziertes Weihwasser in der Küche versprüht. Wie wenn nichts gewesen wäre.

Und doch ist etwas gewesen: Ich weiß jetzt, dass ich nie wieder im Chor singen werde. Ich kann die Noten zurückgeben. Zu jeder Probe so ein Theater halte ich nicht aus.

Und ich weiß, wie wertvoll der Rat ist, den mir ein alter Donkosake vor meiner Hochzeit gegeben hatte: „Erlaube dir nicht, viel zu sagen.“ Damit ich’s auch ja verstehe, hat er es mir damals noch erklärt: Erlaube dir keine Schimpfwörter oder Beleidigungen deinem Ehepartner gegenüber. Schade, dass Papa keinen solchen Donkosaken kennt.

Wie die Schildbürger / Montag, 19.08.2019

Unser Pfarrer hatte uns für 7:30 zu seiner Privatmesse eingeladen, quasi als Abschied, er wollte am Nachmittag in den Urlaub zu seinen Verwandten fahren. Wir kamen gerne, denn wir hatten viel zu danken.

Danach werkte ich in der Küche und die Mannschaft schlüpfte in die Monturen. (Nur Lucky weigerte sich wieder standhaft. Sie würde ihre Hose nicht zerreißen. Und außerdem sei es ja bloß ihre Schulhose.)

Heute mussten die letzten Reste vom Samstag aufgegessen werden, und dazu brauchte ich Brot. Normalerweise backe ich an heißen Tagen keines, aber ich stellte mich auf eine autofreie Woche ein und da musste ich die brütende Hitze in der Küche in Kauf nehmen.

Ich war noch nicht fertig, als mir die frohe Botschaft kundgetan wurde, das Auto sei repariert. Wie? So schnell? Lucky: „Ich hab doch gesagt, dass das Rad locker ist. Ich hab sogar genau gesagt, welches. Warum hat keiner auf mich gehört?“

Papa kam rein. Etwas schief, denn er hatte sich wie immer das Kreuz verrissen. „Was sagst du nun?“ Was sollte ich sagen? Dass wir Idioten sind? Ich formulierte es freundlicher: „Wie die Schildbürger.“

„Was das wieder für einen Sinn gehabt hat“, fragte sich Papa. „Vielleicht nur, dass wir ordentlich viel beten sollten?“ – „Das habe ich mir auch schon gedacht. Hat vielleicht jemand gebraucht.“

Angeblich hat der Wagen unsere Dummheit unbeschadet überstanden. Aber ich reiße mich nicht darum, mich als erste wieder ans Steuer zu setzen.

Mit meinem frischen Brot habe ich die Idee der Restlvernichtung beinahe selbst sabotiert. Die meisten strichen sich Butter auf Brot, schmatzen zufrieden und beteuerten, dass am besten doch ein frisches Butterbrot schmecken würde. Da brauche man gar nichts anderes dazu.

Die völlig verrückte Fahrt im roten Dacia / Sonntag, 18.08.2019

Bevor wir am Sonntag zeitig am Vormittag losgefahren sind, wollte ich noch Opas Fuß massieren. Opa legte wieder großen Wert darauf, dass ich auch den rechten Vorderfuß massiere.

Ich zog ihm den Spezialschuh aus und bemerkte einen nassen Fleck am Socken. Oma musste kommen. „Das muss neu verbunden werden.“ Ich entfernte den Verband, und dann sah ich die Wunde: mitten auf der Ferse, geschätzte drei Zentimeter im Durchmesser, erhoben wie ein abgeschnittener Ast an einem Baumstamm und sehr eitrig. Wie muss das wehtun!

Nachdem Oma die Wunde versorgt und ich die Fußballen und Zehen massiert hatte, brachen wir auf. Das Auto wie immer vollbepackt mit sechs Personen, frischem Gemüse, Milch, Eiern und den Resten vom Festessen.

Den Perchauer Sattel hatten wir gerade erklommen, als bergab bei den engen Stellen drei Motorradfahrer aus Vorarlberg allen Autofahrern, Überholverboten und Sperrlinien die lange Nase zeigten und quietschvergnügt die Autos überholten und auf der Sperrlinie Schlangenlinien fuhren. Wir staunten noch über den Ideenreichtum der mobilen Organspender, als uns in einer scharfen Kurve ein kurzes, eigenartiges Geräusch aus dem hinteren Teil unseres Autos aufhorchen ließ. Lucky und ich spitzten die Ohren.

Es dauerte nicht lange, da ertönte ein leises Klopfen seitens der Hinterräder. Lucky diagnostizierte: „Das linke Hinterrad ist locker.“ Papa hörte das Geräusch auch und fuhr bei der nächsten Gelegenheit rechts ran. Den Radmutternschlüssel hatte er erst kürzlich aus dem Auto entfernt. „Den brauchen wir jetzt sicher nicht mehr.“ Den kleinen Schlüssel aus dem Autowerkzeug wollte Papa offensichtlich nicht rauskramen. Er schaukelte das Auto über jedem Rad und diagnostizierte: „Alle Räder sind fest.“

Wir fuhren weiter. Das Klopfen war jetzt deutlich zu hören. Eher ein Schlagen. Rechts ran. Räder waren fest. Bremsen funktionierten.

Und so fuhren wir stückerlweise. Mal überprüften wir auf einem Parkplatz von außen, welches Rad es war, mal fühlte Papa, ob die Bremsen heiß wären, mal brachte Papa auf einem Rastplatz einen älteren Mann, einen angeblich ehemaligen KFZ-Mechaniker, im Schlepptau daher. Der hörte sich das Geräusch an und diagnostizierte: Radlager sind hin. Nur mehr langsam weiterfahren.

Da wir die Autostraße nicht mehr nutzen konnten, mussten wir uns unseren Weg durch Unterführungen und kaum beschilderte Wege suchen. Anscheinend war die alte Bundesstraße hier zur Autostraße umgebaut worden. Vorher ist mir schon aufgefallen, dass es entlang der Autostraße erstens wenig Tankstellen gibt, und wenn es eine gibt, ist sie nur auf Selbstbedienung, Bezahlen mit Karte, oder es gibt nur eine Waschstraße bzw. einen Shop dabei.

„Probieren wir, nach St. Veit zum ÖAMTC zu kommen.“

Wir schafften es. Nur war das Tor verschlossen und die Zweigstelle nicht besetzt. „Jetzt sind wir schon so weit gekommen, jetzt schaffen wir es nach Hause.“

Unterwegs hatten wir noch die Idee, den Urs anzurufen. Aber der hörte kein Telefon und seine Frau wagte es nicht, bei der unbekannten Nummer abzuheben. Da ich mein Handy sehr selten nutze, kennt kaum jemand die Nummer. Urs rief zurück, als wir schon in Klagenfurt waren.

Mit vielen Pausen, Rundgängen ums Auto und Tempo 40 km/h kamen wir um 16:30 wohlbehalten zu Hause an. Papa hatte kurz vorher im Rückspiegel noch festgestellt, dass unser linkes Rad hinten eiert.

Schnell ein Anruf bei Oma. Die war vor Sorge schon im Kreis gegangen, weil wir seit zwei Stunden überfällig waren.

Ich muss nicht extra erwähnen, dass wir gebetet haben, was das Zeug hielt. Not lehrt beten. Sonst gibt’s oft ein Gemaunze: „Nicht die Wunden auch noch!“ Heute riss Markus die Initiative an sich. „Nun denn: Lasset uns beten!“ Nach dem ersten Rosenkranz war Matthäa dran, danach hieß es: „Mama, die fünf Wunden fehlen noch!“

Wir sind bei der Gelegenheit draufgekommen, dass unser Repertoire für 2 ½ Stunden reicht, ohne dass wir uns groß wiederholen müssten, nur die Armen Seelen wurden mehrfach bedacht. Und niemand hat gejammert, dass es ihm zu viel, zu langweilig, zu anstrengend wäre. Keiner ist eingeschlafen und keiner hat halbherzig gebetet.

Ich war so dankbar, dass wir samt Auto heil nach Hause gekommen sind. Unser Wagen ist auch in der Einfahrt nicht in seine Einzelteile auseinander gefallen, sondern wartet auf Reparatur.

Gut, dass wir Reste vom gestrigen Geburtstagsessen mit hatten. So waren wir schnell satt und die Spannung legte sich. Wir waren alle kaputt und gingen tatsächlich früh zu Bett.

Festessen mit Wespen / Samstag, 17.08.2019

Wir kamen früh genug bei meinen Eltern an, dass ich noch den versprochenen Krautsalat richten konnte. (Fein geschnittenes Weißkraut, geschabte Karotten, etwas fein geschnittene Zwiebel, eine Prise Salz, eine Spur Zucker, etwas (ev. gemahlenen) Kümmel, Pfeffer, eine Spur Paprikapulver scharf bzw. Chilipulver mit Öl (Sonnenblumen-/Olivenöl) übergießen und mit den Händen gut durchkneten. Kein Essig! Ein bisschen ziehen lassen.)

Aber es gab im Endeffekt so viel zum Essen, dass der Salat und eigentlich auch die Biskuitrollen überflüssig waren. Sogar der Nachbar hatte eine Sachertorte mitgebracht. Oma hatte auch gebacken.

Es ist sehr schwierig, Oma Arbeit abzunehmen.

Zu den geladenen Gästen kamen auch eine Unmenge ungeladener Gäste: Fliegen und scharenweise Wespen.

Mir vergällten sie den Aufenthalt auf der Terrasse, und ich übernahm liebend gerne den Abwaschdienst in der Küche.

Opa hat zwar einen Rollstuhl zu Hause stehen, aber er weigert sich, ihn zu benützen. „Möchtest du dich im Dorf rumschieben lassen?“ Ehrlich gesagt, ich möchte das auch nicht. Opa wollte auch nicht auf die Terrasse raus. „Ich kann durchs Fenster rausschauen.“ Die Gesellschaft mochte er nicht gegen den Komfort seines Fernsehsessels tauschen.

Opa freute sich, dass ich ihm die Füße massierte. Den wehen Fuß wollte ich nicht angreifen, aber er bestand darauf. „Mir tut ja nur die Ferse weh.“ Opa genoss es sichtlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihm ein bisschen Bewegung in seinem Fuß, der ja den ganzen Tag ruht und nur ein paar Schritte im Spezialschuh macht, angenehm war. Sogar vor dem Schlafengehen bedankte Opa sich noch einmal und betonte, wie gut ihm das getan habe.

Mein Bruder hat sich übrigens über seine Geschenke gefreut. „Ah! Eine F4U Corsair!“ Er erkannte sogar auf Anhieb den Flugzeugtyp. Ich war baff erstaunt. Markus hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Das Geburtstagspuzzle wollte mein Bruderherz in aller Ruhe zu Hause probieren.

Ich bin kein begeisterter Festefeierer, genauso wie ich in meiner Jugend nie ein Partytiger gewesen bin. Im Endeffekt bin ich immer froh, wenn Feste wieder gut vorbei sind. Man könnte gar nicht glauben, dass meine Vorfahren Wirtsleute waren.

Was sollen wir schenken? / Freitag, 16.08.2019

Die letzte Biskuitroulade für die Geburtstagsfeier ist gebacken, es ist 21:30 und am andern Ufer kracht wieder ein Feuerwerk. Nach dem gestrigen Brillantfeuerwerk zum Abschluss der Schiffsprozession muss sich jedes, auch noch so teures pyrotechnisches Spektakel ein bisschen schämen. Sehr ungünstiges Timing, wenn man das am nächsten Tag veranstaltet.

Jetzt wurde ich glatt von den Tatsachen überrollt! Das eine Feuerwerk war kaum vorbei, als ein anderes um 21:35 direkt vor unserem Haus begonnen hat. Wir haben entweder einen neuen Pyrotechniker, oder der alte ist einfallslos geworden.

Früher waren die Feuerwerke durchdacht und künstlerisch gestaltet. Einmal hatte er sogar ein Feuerwerk nach einem Strauß-Walzer choreographiert. Jetzt erinnert die Knallerei einfach nur an eine Stalinorgel. Es wird aus allen Rohren geschossen, mehr nicht.

Ich habe heute viel Zeit in der Küche verbracht. Ich hatte endlich eine Idee, was ich meinem Bruder zur CD dazu schenken kann. Angeregt von der Idee meines Sohnemanns, unsere Namen mit Russisch Brot zu legen, habe ich einen Versuch gestartet, Russisch Brot selbst zu backen nach dem Rezept:

4 Eiklar, 1 Prise Salz, 130 g Zucker, 1 P. Vanillezucker zu einem steifen Schnee schlagen.
150 g Mehl mit 1 EL Kakaopulver und etwas Zimt vermischen, vorsichtig unterheben, die Masse in einen Spitzsack füllen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech Buchstaben aufspritzen. In meinem Fall: ALLES GUTE ZUM und auf ein zweites Blech: GEBURTSTAG ! Und ein paar Reservebuchstaben für nicht so gelungene Lettern.

Die aufgespritzten Buchstaben ein bisschen abliegen lassen und dann zehn Minuten bei 170°C backen, etwas auskühlen lassen und vom Papier lösen. Fertig.

Mit meinen Buchstaben konnte ich den Schriftzug auf meinem neuen Nudlbrett auflegen, mit ein paar Blumen und einem Kirschholzkochlöffel dekorieren und ein paar Fotos schießen. Das schönste Bild hat Papa auf Fotopapier ausgedruckt, geschnitten und unser Billet war fertig. Die Buchstaben (in einem Sackerl, als mentale Herausforderung zum Legen) und die Blumen bekommt mein Bruder dazu. Auch den Kochlöffel. Mein Bruder kocht angeblich wieder ab und zu.

Matthäa schenkt eine Packung Earl Grey, das passt zum Gebäck.

Die kleinen Mädels haben herumgealbert und gemeint, sie würden ihm gerne eine Antifaltencreme überreichen. Davon habe ich ganz viele, sogar noch originalverpackt. Für Frauen ab fünfzig ist das offensichtlich ein gängiges Standardgeschenk. Ziemlich überflüssig, denn übergewichtige Frauen wie ich neigen nicht zu Falten. Also durften sie aus meinem Fundus wählen.

Johanna und Lucky waren hellauf begeistert, suchten sich die hübscheste aus und gingen daran, sie zu adaptieren. Jetzt steht „Mach dir nicht zu viele Sorgen!“ oder so was Ähnliches drauf. Ich hab den genauen Wortlaut vergessen.

Markus hat ein Miniflugzeug gebastelt. Den Rumpf aus einem Sektkorken geschnitzt (und sich dabei mit dem Stanleymesser auch in den Daumen geschnitten), Tragflächen und Höhenruder aus Blumendraht eingezogen, mit Kork verstärkt und mit Papier überzogen. Räder aus Blumendraht. Mit Acrylfarbe bemalt und mit Fineliner Linien gezogen. Als Verpackung dient eine etwas größere Streichholzschachtel.

Was soll man sonst jemandem schenken, der sich selbst alles kaufen kann?